Eine Woche nach den tödlichen Schüssen in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade weitet sich der Fall in mehrere Richtungen aus.
Zu den gesicherten Fakten – sechs Erschossene, ein 45-jähriger Tatverdächtiger in Untersuchungshaft, mutmaßliches Motiv Sorgerechtsstreit, eine kurz zuvor in Berlin gekaufte Beretta – sind Berichte über eine Vorgeschichte des Verdächtigen in der Türkei sowie eine politisch heikle Familienverbindung hinzugekommen.
Vorwürfe aus der Türkei – von deutschen Behörden nicht bestätigt
Nach Recherchen der BILD, die sich auf türkische Justizquellen (das System UYAP) beruft, soll der Tatverdächtige Fatih Khan G. in der Türkei wegen mehrerer schwerer Straftaten gesucht werden.
Wie Nius den BILD-Bericht zusammenfasst, sollen türkische Unterlagen unter anderem ein Verfahren wegen eines schweren Sexualdelikts aus dem Jahr 2007 sowie den Verdacht des sexuellen Missbrauchs seiner eigenen Tochter (mutmaßlich am 9. Juni 2022 in Gaziantep) dokumentieren.
Zudem soll er 2021 wegen eines anderen Delikts in Untersuchungshaft gesessen haben, aus der Haft geflohen und seither zur Fahndung ausgeschrieben sein. Einen Halbbruder zitiert BILD sinngemäß mit den Worten, er habe seit dem Ausbruch keinen Kontakt mehr und sei über die Mordvorwürfe schockiert.
Die Staatsanwaltschaft Stade teilte der BILD mit, dass ihr keine Erkenntnisse über mögliche Straftaten des Beschuldigten in der Türkei vorlägen; der Informationsaustausch zwischen deutschen und türkischen Ermittlungsbehörden gelte als schwierig. In Deutschland lag gegen den Mann lediglich ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung vor – er war polizeilich bekannt, galt laut Lüneburger Polizeipräsidentin aber nicht als „absolut gewalttätig“.
Die Fluchtwagen-Fahrerin, eine Migrations-NGO und Fördergelder
Im Zentrum der zweiten Entwicklung steht die 65-jährige Sylvia S., die den Verdächtigen zum Termin fuhr und nach der Tat am Steuer des Fluchtwagens saß – eines leistungsstarken Mercedes-Coupés, das laut Freie Welt rund fünf Wochen vor der Tat, am 26. Mai 2026, auf ihren Namen umgemeldet worden sein soll.
Sie wurde vorübergehend festgenommen und ist inzwischen wieder auf freiem Fuß; einen dringenden Tatverdacht gegen sie sieht die Staatsanwaltschaft bislang nicht.
Sylvia S. bezeichnet sich selbst als Patentante des Babys und hatte wenige Tage vor der Tat ein 20-seitiges Schreiben („Chronologie eines Alptraums“) an mehrere Redaktionen verschickt, in dem sie die Schütteltrauma-Vorwürfe zurückwies und den Vater als ruhigen, besonnenen Mann darstellte.
Nach Recherchen von Nius arbeitet sie als Familien- und Migrationsberaterin für den Verband binationaler Familien und Partnerschaften, der zu Themen wie Familiennachzug, Aufenthaltsrecht und Einbürgerung berät. Nius und auch die Junge Freiheit berichten, die Organisation habe für 2025 und 2026 zusammengenommen fast 900.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ erhalten.
Verbindung zur SPD: Der Fall wird zum Politikum
Politisch brisant wurde der Fall, als der niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete und ehrenamtliche Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku, über seinen Anwalt öffentlich machte, dass Sylvia S. seine Schwiegermutter ist.
Kurku betonte, er habe vor der Tat keinerlei Kenntnis von möglichen Plänen gehabt und die Verbindung von sich aus den Ermittlungsbehörden und seinem beruflichen Umfeld offengelegt. Zuerst hatte der NDR über die familiäre Verbindung berichtet.
Die SPD stellte sich hinter ihn: Fraktionschef Stefan Politze erklärte, man stehe uneingeschränkt an Kurkus Seite, und warnte vor Spekulationen und pauschalen Schuldzuweisungen gegen unbeteiligte Angehörige. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) wünschte Kurku Kraft; die Landesregierung sieht keine unmittelbaren Folgen für dessen Ehrenamt.
Das Magazin Cicero verknüpft die Personalie mit der Frage nach den Verflechtungen zwischen Migrations-NGOs und Politik und verweist zusätzlich darauf, dass Kurku in einen separaten Betrugsverdacht um eine andere, von einer SPD-Kommunalpolitikerin gegründete NGO hineingezogen wird, gegen die wegen Subventionsbetrugs ermittelt wird.
Deutlich schärfer und wertend berichten Portale wie Nius, Junge Freiheit oder Tichys Einblick, die den Fall als Beleg für ein Versagen von Migrations- und Förderpolitik deuten. In sozialen Medien kursieren zudem Spekulationen – etwa über die Eigentumsverhältnisse am Fluchtwagen oder eine angeblich deutungsträchtige Buchstabenkombination auf dem Kennzeichen.
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