Seit 25 Jahren steht ein erschütterndes Foto vom 11. September still – ein Bild, das einen einzelnen Menschen in seinen letzten Augenblicken festhält.
Nun spricht ein Familienmitglied des Mannes, der darauf zu sehen sein soll, über die Trauer, die nie ganz vergangen ist – und über den Glauben, der ihr dabei geholfen hat.
In diesem Jahr jährt sich 9/11 zum 25. Mal. Mit dem Jahrestag tauchen erneut Videos und lange vergessene Geschichten auf – und damit Blicke auf Momente und Leben, die fast in der Geschichte untergegangen wären.
Am Morgen des 11. September 2001 dokumentierte der Associated-Press-Fotograf Richard Drew das Unfassbare am World Trade Center. Dabei entstand ein Foto, das weltweit als „The Falling Man“ bekannt wurde.
Es zeigt einen Mann, der aus einem der Türme stürzt. Sein Körper wirkt gegen die ungeheure Katastrophe um ihn herum fast unwirklich still.

Für viele war das Bild kaum auszuhalten. Als es am 12. September 2001 in Zeitungen weltweit erschien, löste es scharfe Kritik aus. Leser empfanden es als zutiefst verstörend und fragten, ob ein so schmerzhafter Moment überhaupt veröffentlicht werden dürfe.
Mit den Jahren hat sich die Wahrnehmung verändert. Was einst verurteilt wurde, gilt zunehmend als eindringliches Stück Fotojournalismus.
Der britische Musiker Elton John, der das Foto später für seine Privatsammlung erwarb, nannte es „das schönste Bild von etwas so Tragischem“.
25 Jahre später ist klar: Das Foto ist geblieben. Aus Empörung wurde eine der erschütterndsten Erinnerungen an die fast 3000 Menschen, die an diesem Tag starben.
Für eine Familie trägt das Bild seit Jahrzehnten eine besonders schmerzende Frage: War dieser Mann ihr Angehöriger?
Die Suche nach seiner Identität
Über die Jahre gab es mehrere Theorien, wer der Mann gewesen sein könnte.
Ein Rückblick des Time Magazine hielt fest, er sei vermutlich Mitarbeiter von Windows on the World gewesen, dem Restaurant ganz oben im Nordturm.
Eine frühe Zuordnung nannte Norberto Hernandez, einen Konditor des bekannten Restaurants. Seine Familie wies das zurück: Sie glaubten nicht, dass Hernandez eine solche Entscheidung getroffen hätte.
Jahre später untersuchte der Journalist Tom Junod nicht nur ein einzelnes Bild, sondern eine ganze Sequenz von Drew. Details auf späteren Aufnahmen führten ihn zu Jonathan Briley, einem 43-jährigen Tontechniker von Windows on the World, als wahrscheinlichster Person auf dem Foto.
Einen endgültigen Beweis gab es nie.
Brileys Kleidung ließ sich nicht unabhängig bestätigen, weil seine Witwe seine Sachen nach seinem Tod bereits weggeräumt hatte. Offiziell ist die Identität deshalb ungeklärt.
„Es fühlt sich an wie gestern“
25 Jahre nach den Anschlägen lebt Brileys Schwester Gwen Briley-Strand weiter mit der Last dieses Morgens.
Sie erinnert sich an ihren Bruder als tief gläubigen Mann, der nur Monate zuvor zum Diakon geweiht worden war. Er war mit Gospel-Klavier aufgewachsen und hatte Gwen und ihren Mann kurz vor dem 11. September noch spontan nach Florida begleitet – das letzte Mal, dass sie ihn sah.
Für sie bringt der Jahrestag eine vertraute Welle von Gefühlen.

„Es gibt Zeiten, in denen es sich nach 25 Jahren anfühlt. Und dann wieder Zeiten, in denen es sich anfühlt wie gestern. Es ist eine Welle der Trauer. Manche Jahre sind besser als andere“, sagte sie der Daily Mail.
Sie weist die Vorstellung zurück, man dürfe die Menschen, die aus den Türmen stürzten, dafür richten. Stattdessen hält sie an ihrem Glauben fest und sieht sie als Opfer einer unvorstellbaren Lage.
„Ich glaube, dass all diese Menschen, die sprangen, aufgefangen wurden. Ihre Seelen wurden aufgefangen“, sagte sie.
In ihren Augen steht ihr Bruder nicht nur für sich selbst, sondern für die Tausenden, deren Leben an diesem Tag genommen wurde.
Das Foto wirft weiter schwere Fragen auf
Drew hat offen über das Foto und die Kontroverse gesprochen.
Er erklärte, er habe nicht bewusst nach einem einzelnen Bild gesucht. Die Kamera hielt eine Sequenz fest, während er Menschen folgte, die aus dem Gebäude stürzten. Dass er den später berühmten Frame aufgenommen hatte, merkte er erst danach.
Für Drew ging es in dem Foto nicht um den Tod selbst.
Es ging um die letzten Augenblicke eines menschlichen Lebens.
Dieser Unterschied ist ihm wichtig geblieben – gerade weil das Bild so still wirkt im Vergleich zum Grauen des Tages.
25 Jahre später gehört „The Falling Man“ zu den schwersten Bildern, die mit dem 11. September verbunden sind.
Dahinter steht aber etwas noch Stärkeres: ein Bruder, ein Sohn, eine Familie – und ein Leben, das lange existierte, bevor die Welt dieses eine Bild sah.
Für die, die Jonathan Briley liebten, ist das Foto nicht nur ein historisches Dokument.
Hilfe in Deutschland
Wenn du oder jemand in deinem Umfeld in einer Krise steckt:
Telefonseelsorge (anonym, rund um die Uhr): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Chat und weitere Wege: telefonseelsorge.de
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