Der Tod einer 18-Jährigen während einer Karibikkreuzfahrt hat zu einem aufsehenerregenden Strafverfahren gegen ihren 16-jährigen Stiefbruder geführt, der nun als Erwachsener angeklagt wird und bis zum Prozess in Haft bleiben muss.
Anna Marie Kepner, Abiturientin, Cheerleaderin und angehende Studentin der University of Georgia aus Titusville, Florida, ging am 2. November 2025 mit mehreren Familienmitgliedern an Bord der Carnival-Cruise-Line-„Horizon“. Zur Reisegruppe gehörten ihr Vater Christopher Kepner, ihre Stiefmutter Shauntel Kepner, Grosseltern, Geschwister und Stiefgeschwister. Während der Reise teilte sich Anna eine Kabine mit ihrem Stiefbruder Timothy Hudson – eine Regelung, die später im Netz kritisch hinterfragt wurde.
Am 7. November entdeckte eine Kabinenstewardess Annas Leiche unter einem Bett versteckt. Den Behörden zufolge war sie in eine Decke gewickelt und unter Rettungswesten verborgen worden. Das Gerichtsmedizinische Institut von Miami-Dade stufte ihren Tod später als Tötungsdelikt durch mechanische Erstickung ein und stellte zudem fest, dass sie sexuell missbraucht worden war.
Ihr Vater beschrieb sie später als eine kluge und wunderschöne junge Frau, deren Zukunft ihr genommen wurde.
FBI-Ermittlungen führen zum Stiefbruder
Nach der Feststellung der Todesursache leitete das FBI eine Untersuchung ein, die sich schliesslich auf Timothy Hudson konzentrierte. Überwachungsaufnahmen sollen gezeigt haben, dass der Teenager am Morgen nach Annas Tod mehrfach die Kabine betreten und verlassen hatte – unter anderem kurz bevor ihre Leiche gefunden wurde.
Im Februar 2026 wurde Hudson als Jugendlicher angeklagt, nachdem DNA-Beweise ihn angeblich mit dem Tatort in Verbindung brachten. Der Fall blieb zunächst unter Verschluss, bis Bundesrichterin Beth Bloom anordnete, dass er als Erwachsener vor Gericht gestellt wird. Hudson plädierte auf nicht schuldig in den Anklagepunkten Mord ersten Grades und schwerer sexueller Nötigung. Bei einer Verurteilung in beiden Punkten drohen ihm zwei lebenslange Haftstrafen.
Richter revidiert seine Entscheidung
Zunächst lehnte es US-Magistratsrichter Edwin G. Torres ab, Hudson vor dem Prozess in Untersuchungshaft zu nehmen – mit Verweis auf Bedenken, ihn weit entfernt von seinen Angehörigen im Hernando County unterzubringen. Damals lebte Hudson unter Aufsicht bei einem Onkel.
Die Staatsanwaltschaft argumentierte jedoch, er stelle eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar. Stellvertretende US-Staatsanwältin Alejandra Lopez betonte die Schwere der Vorwürfe und stellte die Frage, welche Sicherheitsvorkehrungen bestünden, um einen weiteren Gewaltvorfall zu verhindern.
Nach Prüfung zusätzlicher Beweise revidierte Richter Torres seine ursprüngliche Entscheidung. In einem Urteil vom 10. Juni erklärte er, die Beweislage der Staatsanwaltschaft sei aussergewöhnlich stark, und äusserte Bedenken über das, was er als Anzeichen von Psychopathie und fehlendem Reuegefühl bezeichnete.
Laut dem Richter weckt die Art der mutmasslichen Tat Befürchtungen, dass Hudson trotz der Bemühungen von Angehörigen und Betreuern erneut gewalttätig werden könnte. Er schrieb, die mutmassliche Tat zeige ein Mass an Verdorbenheit, das für die meisten Richter schwer zu übersehen wäre.
Die Staatsanwaltschaft hatte die Tötung zuvor als vorsätzliche und barbarische Tat bezeichnet.
Hudson wurde inzwischen zur psychiatrischen Begutachtung in das Gefängnis von Citrus County eingeliefert und soll vor dem 10. Juli nach Miami verlegt werden. Aufgrund seines Alters wird er bis zum Prozess in einem Jugendtrakt untergebracht. Gerichtsdokumenten zufolge sind ihm Familienbesuche sowie überwachte Internetkommunikation gestattet. Die Jury-Auswahl soll im September beginnen.
Warnzeichen vor der Tragödie?
Weitere Aussagen aus früheren Anhörungen offenbarten Bedenken, die angeblich bereits vor der Tragödie bestanden hatten.
Annas ehemaliger Freund berichtete den Ermittlern, dass sie sich in Hudsons Gegenwart unwohl gefühlt habe, und beschrieb ihn als „ein bisschen seltsam“. Er gab an, während eines FaceTime-Gesprächs beobachtet zu haben, wie Hudson versuchte, sich auf die schlafende Anna zu legen. Er habe Hudson daraufhin angeschrien, woraufhin dieser aus dem Zimmer geflohen sei.
FBI-Agent Andrew del Valle sagte später aus, dass der ehemalige Freund den Ermittlern dieselbe Schilderung gegeben habe. Del Valle erklärte ausserdem, Anna habe angeblich Angst vor Hudson geäussert, weil er zahlreiche Messer besass.
Familienmitglieder äusserten sich widersprüchlich zu dem Fall. Annas Grossmutter Barbara Kepner erklärte, die beiden Teenager seien einst sehr eng miteinander verbunden gewesen, und beschrieb Hudson als am Boden zerstört, als Annas Leiche entdeckt wurde.
Hudsons Stiefgrossmutter Sonya Ziske wiederum argumentierte, die Umstände an Bord des Schiffes könnten zu der Tragödie beigetragen haben. Sie stellte die Entscheidung infrage, drei Teenager gemeinsam in einer Kabine unterzubringen, und vermutete, dass mangelnde Aufsicht eine Rolle gespielt haben könnte.
Ziske betonte, sie behaupte nicht, dass Hudson unschuldig oder schuldig sei, hielt aber fest, dass die Vorwürfe nicht zu dem Jungen passten, den sie kannte. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens sei sein Leben bereits zerstört, fügte sie hinzu.
Annas Vater erklärte öffentlich, dass er Hudson nicht unterstütze und wolle, dass er im Falle einer Verurteilung die Konsequenzen trage.
Der Fall ist weiterhin anhängig. Hudson beteuert weiterhin seine Unschuld, während die Vorbereitungen für den Prozess voranschreiten.
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